Juwel im Programm – der philharmonische Salon

Czernowitz Rathausplatz

 

Juwel im Programm – der philharmonische Salon

Etwas abseits von den großen philharmonischen Ereignissen, Konzerten der Berliner Philharmoniker, erlebt man immer wieder Erstaunliches am Rand. So hat sich eine 2000 von dem früheren philharmonischen Cellisten Götz Teutsch „erfundene“ literarisch-musikalische Veranstaltung in kurzer Zeit etabliert und ein begeisterungsfähiges Publikum gefunden. Da versammeln sich jeweils Sonntagsnachmittags zur besten Kaffeezeit im Kammermusiksaal der Philharmonie mehr als 1.000 Menschen, um Texten und Musik zu lauschen. Bekannte Schauspieler lesen, Solisten der Berliner Philharmoniker und befreundete Musiker spielen in den unterschiedlichsten Besetzungen. Götz Teutsch findet nicht nur interessante Sujets aus mehreren Jahrhunderten, sondern versichert sich auch der Mitarbeit der jeweils „passenden“ Musikerinnen und Musiker. Die Themen sind weit gespannt, sie reichen von Bekanntem bis zu Exotischem. Das Ganze bildend, aber ohne Belehrung.

Czernowitz Stadttheater

Beispiel: der letzte Salon Ende Oktober / Anfang November zu Czernowitz, einer Stadt in europäischer Randlage – früher als Hauptstadt der Bukowina ein Teil Österreich-Ungarns, heute zur Ukraine gehörend. „Czernowitz is gewen an alte, jidische Schtot…“ Evoziert wird das Bild einer faszinierenden Welt, in der verschiedene Ethnien, Kulturen und Religionen friedlich miteinander lebten.

Czernowitz Synagoge

Besonders stark und prägend war der Einfluss der jüdischen Bevölkerung, die allein ein Viertel der Einwohner ausmachte. Udo Samel liest Texte (u.a. von Karl Emil Franzos, Rose Ausländer, Zvi Yavetz, Josef Burg) Gewicht, Witz und Ernst. Musiziert werden Improvisationen über jiddische Lieder, eigene Kompositionen des wunderbar Akkordeon spielenden Amerikaners Alan Bern und klassische Musik von Bruch, Joachim und Schostakowitsch. Der philharmonische Konzertmeister Noah Bendix-Balgley spielt brillant als jiddischer Fiddler auf. Es darf viel gelacht werden, doch am Ende, wenn die Katastrophe, die Verfolgung und Vernichtung der Juden in Text und Musik anklingt (Paul Celans „Todesfuge“ und das Finale aus Schostakowitschs Zweitem Klaviertrio), wird einem eng ums Herz. Ein denkwürdiger Nachmittag.

A. Peer Cuy

Die nächsten philharmonischen Salons sind Lou Andreas-Salomé und Wilhelm Furtwängler gewidmet.

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